Aus dem Leben einer Guerillera

26. Januar 2017

Email vom 9.12.2008:

San Salvador ist genauso hässlich wie Guatemala City. Die Hauptstädte sind nicht sehenswert, muss ich mal sagen. Wir haben dann auch in dem Hotel direkt am Terminal geschlafen. Die anderen drei, weil sie direkt am nächsten Morgen um 5 Uhr nach Managua weiter wollten und ich, weil ich an den Strand wollte. Abends waren wir bei – ich trau mich kaum, es auszusprechen – Pizza Hut. Das war der einzige Fast Food-Tag im letzten Monat! Aber es gab nichts anderes in der Nähe des Hotels und weil San Salvador so gefährlich sein soll, wollten wir nicht weiter weg als nötig. Wir wurden übrigens eingeschlossen. Ein bewaffneter Guard hat die Tür für uns aufgeschlossen und sie nach uns wieder zugeschlossen, um dann mit einem Maschinengewehr vor der Tür Wache zu schieben.

In El Salvador gibt es 18.000 private Sicherheitsleute, die alle Maschinengewehre und was weiß ich nicht alles mit sich herumtragen. Für mich trägt das absolut nicht zur Sicherheit bei. Eher das Gegenteil. Ich fühle mich total unsicher, wenn so ein Rambo neben mir steht.

Am nächsten Tag bin ich an den Strand gefahren. El Tunco ist echt nett. Busfahrer Nr. 1 hat sich mit mir unterhalten wollen, über das lateinamerikanischen Triple (Wie heißt du? Woher kommst du? Hast du einen Freund?) hinaus und er sagte – das ist ein wörtliches Zitat!!! –, dass mein Spanisch echt gut sei 😉 Das hab ich natürlich nicht geglaubt, aber es war zumindest nett, mal was auf Spanisch sagen zu können.

Also El Tunco ist nett und die Wellen sind der Hammer. Außerdem ist das Wasser warm, fast wie eine Badewanne. Die Leute kommen zum Surfen her. Allerdings muss ich euch zwei wichtige Dinge sagen. 1. Es gibt auch hässliche Surfer, wie ich zu meinem Leidwesen feststellte. 2. Surfer bleiben lieber unter sich und sind nicht nett zu anderen. Und das ist nicht nur meine Meinung, andere haben dies bestätigt.

Abends habe ich in einem Restaurant eine Amerikanerin kennengelernt und wir haben zusammen gegessen. Sie ist keine Surferin, daher wirklich nett. Den nächsten Tag habe ich mit ihr auf der Ruta de las Flores verbracht. Eigentlich saßen wir nur im Bus. Aber es war trotzdem total schön. Zum Mittagessen habe ich Gurkengemüse gegessen. Das war so lecker!

Abends haben wir mit zwei Kanadierinnen ein Bier getrunken (und ich einen Fruchtshake). Da Surfer früh raus müssen – die Wellen schlafen schließlich nie -, ist um acht tote Hose und die Bars fangen an zu zu machen. Das fanden vor allem die Kanadierinnen bedauerlich, da (wörtliches Zitat), Kanadier viel trinken. Aber wir durften auf den Bänken der Bar bis elf Uhr sitzen bleiben.

Den nächsten Tag haben wir am Strand verbracht und ich habe zum ersten Mal gebodyboarded (oder wie es eingedeutscht auch heißen mag). Ich muss sagen, ich bin ein echtes Naturtalent! Die ersten paar Male bin ich nur einen Meter oder so getragen worden, aber dann hat mich eine Riesenwelle erwischt und bestimmt zehn Meter mitgenommen. Das war echt cool!

Doch man kann ja nicht für immer am Strand bleiben, vor allem dann nicht, wenn man noch so viel sehen möchte! Also habe ich mich in einen Bus gesetzt (und noch in drei andere) und bin nach Perquin gefahren. Politik und so.

Die Stadt kann man gar nicht als Stadt bezeichnen. Es sind ein paar Häuser um die Hauptstraße herum. Wie sich hier Tausende von Guerilleros versteckt haben sollen, ist mir echt schleierhaft. Aber es hat wohl funktioniert, schließlich ist die FMLN heute die stärkste Partei im Parlament.

Oh, in El Salvador gibt es ein tolles Essen: Pupusa. Die mit Käse sind die besten. Nicht, dass ich andere ausprobiert hätte. Das sind gefüllte Tortillas. Echt lecker.

Das Museo Revolutionario Salvadoreño liegt auf einem Hügel in Perquin, dem ehemaligen Hauptquartier der FMLN, der Frente Farabundo Martí de Liberación Nacional. Martí war ein Freiheitskämpfer, der 1932 für die Rechte der indigenen Bevölkerung eingetreten ist und die Sozialistische Partei Zentralamerikas gegründet hat. In Gedenken an ihn hat sich die Guerillagruppierung nach ihm benannt.

Das Museum zeigt Bilder von Guerilleros, Waffen und Plakate. Es erzählt auch die Geschichte einiger Mitglieder der FMLN, wie etwa von Commandante Cecilia, die als 19-Jährige in die Hände des Militärs fiel, das sie folterte und schließlich umbrachte. Auch gedenkt es etwa den Opfern in El Mozote, einem Dorf in der Nähe, in dem die 1000 Einwohner vom Militär und Todesschwadronen nieder gemetzelt wurden. Bisher hat man knapp 200 Leichen geborgen, 85 Prozent Kinder.

Im Garten des Museums sieht man einen riesigen Bombenkrater, der von einer 500 Pfund-Bombe stammt, die das Militär abgworfen hat. Außerdem sieht man die Überreste des Hubschraubers mit dem Colonel Domingo Monterrosa, Kommandeur eines Todesschwadrons, abgestürzt ist. Wie genau das funktioniert hat, hab ich nicht verstanden, aber jedenfalls war ein Radiotransmitter von Radio Venceremos (wir werden siegen) im Spiel.

Das Sendestudio von Radio Venceremos kann ebenfalls besucht werden. Es wurde als die „Stimme der FMLN“ bezeichnet und hat die Bevölkerung über die Aktionen der Guerilla informiert.

Was mich am meisten berührt hat, waren die deutschen Plakate, die meist von der Informationsstelle El Salvador der TU Berlin stammten. Sie waren nicht ins Englische oder Spanische übersetzt, leider, wie ich finde. Denn ich fand gerade diese Plakate am traurigsten. Ich hab auch das meiste in Spanisch verstanden und alles in Englisch und alles war nicht so bewegend, wie die deutschen Plakate. Eines ganz besonders (so ungefähr):

„Die Kinder von El Salvador an die Kinder der Welt und die Herren der Welt: Falls ihr es nicht wisst, wir leben nur in Blechhütten, haben kein fließendes Wasser und gehen meist nicht in die Schule. Wir essen nur schwarze Bohnen und Maisfladen. Aber wir wollen so nicht mehr leben. Wenn wir auf die Straße treten, sterben wir, genauso wie unsere Väter und Onkel. Wir wollen ein anderes Leben und eine Zukunft, die uns erlaubt richtige Kinder zu sein.“

Ich mag sowieso nah am Wasser gebaut sein, aber das hat mich fast zum Weinen gebracht. Ebenso wie das „Gedicht an einen verwundeten Kameraden“. Ich dachte schon, dass ein Besuch mich aufwühlen würde, aber so sehr?

Der Bürgerkrieg fing 1980 mit der Ermordung von Erzbischof Oscar A. Romero an, der erschossen wurde, während er eine Messe hielt. Er war eigentlich ein konservativer Priester, der dann aber angesichts des Unrechts nicht mehr schweigen konnte. Seine Ermordung hat einen Sturm der Entrüstung ausgelöst, der im Bürgerkrieg gipfelte, der erst 1992 endete. Gesponsert wurde der Krieg von den USA, die allein 1.985.500 Millionen US-Dollar nach El Salvador schickten, da sie kein zweites Nicaragua haben wollten.

Schon nach kurzer Zeit hatte das Militär verloren. Wenn die USA nicht Waffen, Anti-Guerilla-Experten und was weiß ich nicht alles in das Land geschickt hätten, wäre der Krieg schon viel früher beendet worden. Leider haben auch die anderen Nationen, allen voran Deutschland, nicht genug getan, obwohl sie die Militärjunta isolierten. Nur die USA haben sie noch unterstützt.

Auch aus Guatemala und Honduras sind Truppen einmarschiert. Die Flüchtlingscamps an den Grenzen sollten weiter ins Landesinnere verlegt werden, damit das Flüchtlingsproblem ohne großes Aufsehen erledigt werden konnte, was bedeutet, dass hondurenische Truppen die halbe Million Flüchtlinge niedermetzeln wollten. Präsident Reagan sprach sich sogar für den Einmarsch von US-Truppen aus.

Das alles hat mich wirklich mitgenommen, aber ich finde es wichtig, sich auch solche Dinge anzusehen.

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